
Mathematik in der Sekundarstufe auf einem Tiefstand: 34 Prozent der Neuntklässler verfehlen die Mindeststandards für den mittleren Schulabschluss
Für die Provimedia GmbH aus Bietigheim-Bissingen ist der Befund ein Argument für nachvollziehbares Rechnen statt für schnelle Ergebnisse. Wer einen Rechenweg nicht beherrscht, erkennt auch ein falsches Ergebnis nicht — unabhängig davon, welches Gerät es liefert. Im Vordergrund stehen deshalb Werkzeuge, die den Weg sichtbar halten — etwa programmierbare wissenschaftliche Taschenrechner, bei denen sich jeder Zwischenschritt festhalten und wiederholen lässt.
Noch deutlicher wird der Unterschied bei Funktionen. Grafikrechner mit Farbdisplay zeigen den Verlauf und nicht nur den Wert an einer einzelnen Stelle. Ein Vorzeichenfehler fällt damit ins Auge, statt unbemerkt ins Ergebnis zu wandern.
Was der Bildungstrend 2024 ausweist
Nach Angaben des Instituts ergibt sich folgendes Bild:
- In Mathematik verfehlen 34 Prozent der Neuntklässler die Mindeststandards für den mittleren Schulabschluss.
- In nahezu allen geprüften Kompetenzbereichen liegen die Werte unter denen der Erhebungen von 2018 und 2012.
- Getestet wurden Mathematik, Biologie, Chemie und Physik in der Sekundarstufe eins.
- Die Erhebung lief zwischen März und Juli 2024, veröffentlicht wurde sie am 16. Oktober 2025.
- Fast alle Bundesländer folgen dem negativen Trend, die Unterschiede zwischen ihnen sind teils erheblich.
Die Autoren nennen die veränderte Zusammensetzung der Schülerschaft
Das Institut führt den Rückgang unter anderem auf eine veränderte Zusammensetzung der Schülerschaft zurück. Genannt werden zunehmende soziale Disparitäten, ein höherer Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Zuwanderungsgeschichte sowie knapp fünf Prozent mit Fluchterfahrung im Jahr 2024 — ein höherer Wert als in den vorangegangenen Studien.
Die genannten Merkmale erklären den Rückgang jedoch nur teilweise. Der Bericht selbst weist darauf hin, dass die Entwicklung auch Gruppen erfasst, auf die sie nicht zutreffen.
Was ein Mindeststandard bedeutet und was nicht
Mindeststandards beschreiben das Kompetenzniveau, das für einen Abschluss als unerlässlich gilt. Wer sie verfehlt, hat den Abschluss damit nicht automatisch verpasst — die Standards sind ein bildungspolitisches Messinstrument, keine Prüfungsordnung. Sie zeigen an, wie weit der tatsächliche Kompetenzstand von dem entfernt ist, was die Kultusministerkonferenz als Ziel gesetzt hat.
„Ein Rechner nimmt einem das Rechnen ab, nicht das Verstehen. Wer nicht abschätzen kann, ob ein Ergebnis plausibel ist, dem hilft kein Display“, sagt Alexander Weipprecht, Geschäftsführer der Provimedia GmbH.
Der eigentliche Befund ist die Reihe, nicht der Einzelwert
Die dritte Durchführung in diesem Fach erlaubt einen Vergleich über zwölf Jahre, weil Instrumente und Auswertung gleich geblieben sind. Nicht ein niedriger Wert ist deshalb das Ergebnis, sondern eine Reihe, die über drei Messzeitpunkte in dieselbe Richtung zeigt. Die Länder werten die Ergebnisse nun einzeln aus.
Im Alltag bleibt die Folgerung dieselbe wie vor der Studie: Ein Ergebnis ist nur so viel wert wie die Fähigkeit, es zu prüfen. Wer eine Größenordnung abschätzen kann, erkennt einen Tippfehler im Display. Wer das nicht kann, übernimmt ihn. Werkzeuge helfen dabei nur, wenn sie den Rechenweg zeigen und nicht allein das Ergebnis.
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